Abzüge, Meisterklasse und Bildseele: Andrew Sanderson im Interview

Wer sich mit Abzügen und Printern beschäftigt, dem sollte der Namen Andrew Sanderson aus England bekannt sein. Ein Veteran der analogen Fotografie, der allerdings im Gegensatz zu vielen Anderen immer ein offenes Ohr hat. Er geistert durch diverse Foren und Gruppen und gibt Tipps und Hilfe wo diese gebraucht wird. Genau diese Haltung schwingt auch in seinem Interview mit. Viel Spaß:

Hallo Andrew, was müssen wir über dich wissen?
Tja, ich kam mit 15 Jahren zur Fotografie, als ich eine alte Polaroid Kamera von meinem Vater lieh und Bildern von meinen Freunden beim Blödsinn machen aufnahm. Als ich 19 Jahre alt war, ging ich an ein Art College und entdeckte die ganze große Welt voller wunderbarer Fotografen. Das war der Punkt an dem meine Besessenheit begann. Seitdem habe ich Jahrzehnte der Kunst der analogen Fotografie gewidmet. Ich habe das Glück, dass meine Arbeiten viele viele Male in Zeitungen und auf Postern veröffentlicht wurden und ich habe drei Bücher geschrieben. Vor einigen Jahren lud mich Ilford dazu ein, ein „Master Printer“ zu werden und gab mir die Chance in ganz England Vorträge und Demonstrationen zu halten.

Was muss man tun um ein Ilford Master Printer zu werden?
Ich denke, dass Ilford mir (zusammen mit einem Dutzend anderer Printern) den Titel gab, weil ich viel über ihre Produkte wusste und damit Ergebnisse von sehr hoher Qualität produzieren konnte. Die Unterstützung durch Ilford hat mich sehr motiviert, es bestätigte all die Energie und die Ausgaben die ich in meine Arbeit gesteckt hatte.
Ich glaube allerdings, dass Ilford diesen Titel nicht mehr vergeben wird, da sich das Management und damit scheinbar auch die Prioritäten geändert haben. Außerdem gibt es nicht mehr so viele Top-Printer mehr aus denen man auswählen könnte. Ich behalte Andere im Auge, sehe mir ihre Magazine, Blogs, Instagram- und Facebookseiten an und die Meisten haben noch einen langen Weg vor sich.

Du hast mal gesagt, du hälst dich selbst nicht für einen Künstler. Warum?
Ich denke ich habe das gesagt, da ich mich mit dem Titel nicht wohl fühle  obwohl ich viel mit anderen Künstlern gemeinsam habe. Vielleicht hätte ich auch ganz gut in diese Kategorie gepasst. Ich finde die Aussage: „Ich bin ein Künstler“ protzig und ich hasse Prahlerei. Ebenso geht es mir mit Selbstverherrlichung und Aufplusterei. Besonders wenn sich jemand als etwas Besonderes präsentiert fühlt es sich für mich  falsch an.

Das ist normalerweise der Punkt an dem ich frage „Wie würdest du deinen Stil beschreiben?“. Du beschreibst dich selbst als „Einzelbild-„Person. Gibt es dennoch eine persönliche Note?
Wenn es eine gibt, dann sehe ich sie nicht. Die „Wie würdest du deinen Stil beschreiben“ Frage verwirrt mich immer. Ich kann einen roten Faden sehen, ich sehe kompositorische Ähnlichkeiten und manchmal denke ich, dass ich mich wiederhole. Aber diese Frage kann nur durch jemanden beantwortet werden, der das erste Mal deine kompletten Werke ansieht und nicht durch mich.

Ausschreibungen verlangen normalerweise Projekte, die aus mehr als einem Bild bestehen. Wie kommt es also dazu, dass du keine Serien schießt?
Ich denke immer, dass Bilder ausdrucksstark, intelligent, amüsant  oder eindrucksvoll sein sollten. Einen hohen Standard über ein ganzes Projekt zu halten ist fast unmöglich. Wenn du ein bestimmtes Thema oder Subjekt über lange Zeit ablichtest gibt es unausweichlich gute Bilder. Aber warum sollte ich den weniger guten Output zeigen, nur um eine Serie zu haben? Das nimmt doch nur den guten Bildern den Effekt. Manche Fotografen widmen ihr ganzes Leben einer Art von Arbeit und haben somit eine große Sammlung an Werken die eine eindrucksvolle Veröffentlichung ermöglichen. Ich denke da an Sebastio Salgadi und Josef Koudelka.

Du hast Fotografie studiert und bietest Kurse für diejenigen an, die das Printen lernen wollen. Würdest du das lernen der Theorie oder das Ausprobieren als wichtigeren Teil sehen?
Das Tun ist wichtiger. Wenn du Balletttänzer werden wollen würdest, würdest du nur durch das Lesen von Büchern gut werden? Wie sieht es beim lernen von Gitarre aus? Ich denke dass die Theorie Möglichkeiten eröffnet, sie zeigt Schülern, dass es in der Vergangenheit großartige Vorreiter gab und dass viel möglich ist. Sie gibt einen Zugang zu einer großen Auswahl an Werkzeugen und ist ein Sammelbecken von Wissen aber das Lernen steckt im Tun. Und das dauert.

Woher bekommt ein Experte wie du seine Inspiration?
Ich wurde dadurch einen Experten, dass ich meiner Inspiration gefolgt bin, und zwar jede Sutnde des Tages die ich dafür aufwenden konnte. Ich wurde durch das inspiriert was ich sah, in der Realität sowie in den Werken von Anderen. Ich wurde durch die Möglichkeiten verschiedener Techniken und Materialien inspiriert. Ich wurde durch Werkzeuge inspiriert. Jedes Mal wenn ich eine neue Kamera entdeckt habe, startete für mich eine neue Zeit der Entdeckung. Inspiration ist überall.

Ich habe gelesen, dass du fast 100 Veröffentlichungen in Magazinen vorweisen kannst. Was war der letzte Artikel den du geschrieben hast. Und welcher hat dich die meisten Nerven gekostet?
Ich habe 1986 meinen ersten Artikel für ein Magazin geschrieben. Seitdem habe ich über viele verschiedene Themen geschrieben die ich gelernt und entdeckt habe. Manche der Prozesse können anstrengender und zeitraubender sein oder besondere technische Schwierigkeiten aufweisen, aber genau das mag ich. Ich denke das anstrengendste war, als ich gefragt wurde, ob ich ein Buch über verschiedene alternative Prozesse schreiben möchte. Alle waren langwierig und „temperamentvoll“, und ich hatte für die Fertigstellung nur 3 Monate. Der Titel ist „Hand Colouring and Alternative Darkroom Processes„, falls es sich jemand ansehen will.

Was hält dich aktuell auf Trab? Gibt es etwas außer der analogen Fotografie für dich?
Meine Frau hält mich auf Trab. Sie ist eine erfolgreiche Malerin. Und um ihr für ihre Arbeit die nötige Zeit zu geben, habe ich fast alle Haushaltspflichten übernommen. Ich komme fast nicht mehr in die Dunkelkammer  aber nach ihrer Ausstellung sollte ich wieder Zeit haben. Ich schieße noch in jeder freien Minute Bilder aber hänge mit den Abzügen sehr hinterher. Außerdem bin ich damit beschäftigt Leuten zu antworten, Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, Musik zu genießen und versuche mehr Zeit beim Wandern zu verbringen.

Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Was ist deine Meinung zu „Hybrid-Fotografen“ die analoge Kameras benutzen aber Scanner statt Dunkelkammern?
Es freut mich, dass noch immer Film belichtet wird und analoge Kameras gekauft, verkauft und genutzt werden. Ich verstehe, dass die meisten Menschen keinen Platz für eine Dunkelkammer haben. Ein Scanner ist also eine gute Option. Dennoch würde ich mir wünschen, dass wieder mehr Menschen sich für Dunkelkammern und ordentliche Abzüge interessieren würden und ich erkläre dir auch warum.
Erstens: Wenn kein Dunkelkammermaterial mehr verkauft wird, dann wird die Produktion eingestellt werden. Das wäre ein Desaster. Zweitens: Ich denke, dass das Erstellen eines Abzugs in einer Dunkelkammer dich kritischer mit deinen Aufnahmen, der Qualität deiner Negative und der Entwicklung umgehen lässt. Scannen kann z.B. stark unterbelichtete Bilder retten. Dies führt dazu, dass das Ergebnis den Fotografen denken lässt er wäre kompetent auch wenn er das nicht ist. Drittens: Ein schöner Abzug ist etwas, dass von deiner Familie auch nach dir noch geschätzt wird. Eine Festplatte wird im Müll landen.

Was ist für dich der größte Mythos bezüglich der Erstellung von Abzügen in der Dunkelkammer?
Manche sagen, dass es schwer wäre. Sie liegen falsch. Manche sagen, dass es einfach wäre. Sie sind Idioten. Genau wie beim Spielen eines Musikinstruments ist es ein Handwerk, und je mehr Zeit man dafür aufwendet desto besser wird man. Ein anderes Problem ist, dass Leute denken man bräuchte fließendes Wasser in einer Dunkelkammer. Man kann eine Dunkelkammer im Dachboden, unter den Stufen, in einer Gartenlaube oder in jedem kleinen Zimmer aufstellten und die Abzüge im Bad oder draußen waschen. Wenn du wirklich willst dann gibt es einen Weg. Ich hatte zehn Jahre lang meine Dunkelkammer im Dachboden und musste meine Abzüge hinunter ins Bad tragen. Printen in einer Dunkelkammer ist immer ein Lernprozess und auch wenn ich schon früh mit meinen Ergebnissen ziemlich zufrieden war, habe ich erst nach etwa 25 Jahren gelernt wie man wirklich richtig Abzüge herstellt. Es braucht viel Hingabe und Zeit!

Du bist nun ziemlich Lang der analogen Fotografie und dem Printen treu. Langweilst du dich jemals dabei?
Nein, aber ich sehe es jetzt objektiver. Die erste Aufregung ist vorbei aber ich vergesse niemals was für einen wunderbaren Job ich habe. Als ich jünger war habe ich alles Mögliche gemacht um eine Fotografie zu finanzieren. Jetzt muss ich das nicht mehr machen und es fühlt sich sehr gut an. Früher fühlte ich mich wie ein eingesperrtes Tier wenn ich nicht fotografieren konnte. Heute kann ich es nur machen wenn mich meine Verpflichtungen lassen. Das führte dazu, dass ich jetzt entspannter damit umgehe. Ich sage nicht, dass ich weniger begeistert bin, nur dass die erste Inspiration etwas abgeebbt ist wenn ich dann endlich die Zeit finde etwas zu tun.

Gibt es etwas, dass du jungen Fotografen und Printern mit auf den Weg geben willst?
Fotografiert jeden Menschen, den ihr kennt und trefft. Viele werden in 10 Jahren nicht mehr in eurem Leben sein und ein Archiv an Bildern wird euch wichtiger sein als ihr jetzt denkt. Schießt immer Film auch wenn ihr noch keine Dunkelkammer habt. Legt euch so früh es geht eine Dunkelkammer zu und fangt an zu probieren. Kauft Qualitätsmaterial, Billigzeug wird euch nur frustrieren. Schaut die Welt weiter mit begeisterungsfähigen Augen an, tut das so oft ihr am Tag könnt. Versucht nicht, die Kopie eines bereits existierenden Fotografen zu sein. Lernt, wie sie es machen aber nutzt die Informationen um Werke zu produzieren, die eure Seele der Welt zeigen. Gebt mehr Geld für Film als für Alkohol aus.

Noch letzte Worte bevor wir das Interview beenden?
Kameras, Film, Abzüge, Bier, Leidenschaft, Mitgefühl, Musik, Freundschaft, Kunst, Humor, Liebe, Sammeln, Schönheit, Architektur und gutes Essen.

 

Mehr von Andrew gibt es an verschiedensten Stellen im Netz. Fangen wir mit seiner Webseite und seinem Blog an. Außerdem gibt es Andrew auf Facebook, Pintrest, Instagram und Twitter. Und wer einen echten Sanderson an seine Wand möchte, kann seine Abzüge auf Etsy kaufen.

Das Interview wurde per Mail und Chat von Kay geführt.