Der Wahnsinn der Edelkompakten

Vor einigen Wochen stand mir am Verkaufstresen in unserem Fotofachgeschäft ein junger Mann gegenüber, der sich darüber beschwerte, dass seine Negative komische Streifen aufweisen würden. Nach Beratschlagung mit den erfahreneren Verkäufern war schnell klar, dass es sich bei dem, was da zu sehen war, nur um sogenannten Lichteinfall handeln konnte. Es kam also während des Fotografierens irgendwo an der Rückseite der Kamera oder durch einen defekten Verschluss Licht in die Kamera und belichtete den Film so unkontrolliert. Besagter junger Mann kam einige Stunden später erneut bei uns in den Laden und überreichte uns seine Kamera – eine Yashica T5.

Nachdem ich den Deckel geöffnet hatte, war sofort klar: Die Lichtdichtung rund um das Sichtfenster, durch das man von außen auf die Filmpatrone gucken kann, hatte sich aufgelöst. Mit entsetztem Blick erzählte der Besitzer, der Yashica T5 dann, dass er vor wenigen Monaten fast 200 Euro für selbige gelöhnt hätte, was wiederum bei uns Verkäufern zu einem ähnlich entsetztem Blick führte, war der Wert dieser relativ einfachen, aus Plastik gefertigten, Kompaktkameras doch eigentlich nahe Null gesunken in den letzten Jahren.

Die Yashica T3 - ein Vorgänger Der Yashica T5

Die Yashica T3 – ein Vorgänger Der Yashica T5

Die Yashica T-Serie, dessen letzter Ableger die genannte T5 war, ist in den letzten Jahren, bedingt durch positive Erfahrungsberichte im Internet und wieder zunehmendes Interesse an der analogen Fotografie, kometenhaft in Ansehen und Begehrtheit angestiegen. Es handelt sich bei diesen Kameras um sogenannte „Edelkompakte“, also analoge Kompaktkameras mit besonders guter Ausstattung und Fotoqualität. Dazu gehören zum Beispiel ein, für diese Kameraklasse, besonders Lichtstarkes Objektiv oder eine gute Verarbeitung bis hin zum Spritzwasserschutz. Gerade bei jungen Fotografen und solchen, die eine Kamera suchen, die sie immer dabei haben können, sind diese Kameras heute wieder sehr begehrt. Dies führt unweigerlich zu einem Problem, um das es in diesem Artikel auch gehen soll: Die Absurden Preise, die manche dieser „Edelkompakten“ heute am Gebrauchtmarkt erzielen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich nutze privat selbst einige dieser Edelkompakten mit Begeisterung. Die Fotoergebnisse sind stellenweise phänomenal und gerade die kleineren Modelle können quasi immer dabei sein, da sie kaum auftragen. Zur Zeit besitze ich zum Beispiel Modelle, die den Yashica T`s nicht ganz unähnlich sind – Die Olympus Mju-I und Mju-II.

Die Olympus Mju-II – Eine sehr begehrte analoge Kompaktkamera

Die Olympus Mju-II – Eine sehr begehrte analoge Kompaktkamera

Alle diese Kameras zeichnen sich in der Regel durch eine sehr leichte Bedienung aus. Üblicherweise kann der Anwender bei dieser Kameragattung keinen Einfluss auf die Zeit und Blende nehmen und auch Tasten um Einstellungen vorzunehmen sind sehr rar gesät. Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel. Dennoch muss man der Automatik der Kamera bei vielen Modellen vertrauen, was nicht das schlechteste sein muss, da man sich so entweder auf die Bildkomposition konzentrieren kann, oder unbeschwert und ohne groß überlegen zu müssen, sehr schöne Aufnahmen macht. Einfachheit steht hier an oberster Stelle.

Ich habe mit diesen Kameras schon einiges erlebt. Ganze Reisen habe ich nur mit einer solchen Kamera fotografiert, Ich habe sie fallen lassen, gesellige Abende mit Freunden und Familie festgehalten, sie geworfen, sie an Freunde verschenkt, die mit der Fotografie nicht viel am Hut haben, sie verloren und wiedergefunden – um es kurz zu machen: Für mich ist diese Art Kamera wahrscheinlich die wichtigste, liebste und schönste Form, in der man analoge Fotografie betreiben kann. Und das hat einen entscheidenden Grund. Diese Kameras waren und sind stellenweise unheimlich günstig zu bekommen. Ich habe schon einige Olympus Mju-I und ähnliche Modelle für nur einen einzigen Euro auf der allgemein bekannten Auktionsplattform ersteigert. Zuzüglich des Versandes und der passenden Batterie ist man da mit nicht mehr als etwa 10 bis 15 Euro dabei.

Immer wieder sehe ich in letzter Zeit aber, wie Olympus Mju-II, Yashica T4/T5 und weitere ähnliche Modelle, unglaubliche Preise erzielen. Für die Olympus werden da schnell und gerne über 60 Euro gezahlt. Bei den Yashicas sieht es noch extremer aus. Hier sind wir mittlerweile schon deutlich jenseits der 100 Euro angelangt und das für Kameras, die neben dem Auslöser eigentlich nur noch Tasten haben, um den Blitz an oder aus zu schalten und einen Selbstauslöser zu aktivieren. Das kann man, meiner Meinung nach, gerne als schlicht verrückt bezeichnen.

Das Elbsandsteingebirge aufgenommen auf günstigem Drogeriemarktfilm mit der Olympus Mju-I

Das Elbsandsteingebirge aufgenommen auf günstigem Drogeriemarktfilm mit der Olympus Mju-I

Was bleibt also unter dem Strich für den Anfänger, der die kompakten Analogkameras gerade für sich entdeckt? Man bekommt ein tolles, einfaches Stück Kamera, das definitiv an Orten zum Fotografieren einlädt, an dem die Spiegelreflex unpassend oder mühsam erscheint. Man bekommt Eine Kamera, die unter guten Bedingungen in Sachen Qualität einer Spiegelreflex nicht einmal besonders nachsteht. Man bekommt auch die Möglichkeit, bedingt durch den geringen Wert, dass ein Verlust oder Defekt nicht so sehr schmerzt, wie bei einer teureren „richtigen“ Kamera. Ganz sicher nicht bekommt man eine Kamera, die gebraucht einen Preis im Dreistelligen Eurobereich rechtfertigt.

 

Auch an geselligen Abenden unter Freunden sind diese Kameras ein guter Begleiter

Auch an geselligen Abenden unter Freunden sind diese Kameras ein guter Begleiter

 Hier also mein Tipp an jeden, der jetzt Lust bekommen hat, sich eine solche Kamera zuzulegen. Sucht nicht nach bestimmten Modellen, wie den Yashicas, Olympus oder Leicas, sondern legt euch auf die Lauer und wählt nach einem einzigen Kriterium: Dem Preis!

Euer Ziel sollte dabei die besagte Auktionsplattform im Internet sein. In der Regel kommt man dort einfach am günstigsten weg. Sucht dort nach Kameras, die ein Lichtstarkes Festbrennweitenobjektiv haben. Meist sind diese Kameras mit einem 35mm Objektiv mit einer Lichtstärke von F/3,5 oder F/2,8 ausgestattet.
Diese Art Kamera gibt es von sehr vielen Herstellern, die weder in diesem Artikel noch in den meisten Lobeshymnen auf einige wenige, bekannte Modelle, erwähnt werden. Das schlimmste was euch passieren kann? Die Neuerworbene tut es nicht. Verlust? 5-10 Euro – ein überschaubares Risiko, findet ihr nicht?

 


Text und Bilder von Till Lennart Vogt

 

6 Comments
  1. Ich hab auch grade eine T3 bei Ebay für 80 Euro weggehen sehen und gedacht: Ich guck nicht richtig.

    Meine eigene hat mich vor ~2 Monaten nur 20 Gekostet.

  2. Ja, ich habe wohl die selbe Auktion beobachtet.
    Auch 2 Mju-II sind heute für gute 60 bzw. 80 (!) Euro weggegangen.

    Gleichzeitig habe ich aber auch wieder die 1 Euro Schnäppchen beobachtet.
    Der Markt ist verrückt.

  3. haha, so Schwankungen kenne ich auch, grundsätzlich sind Kameras teuer, wenn ich eine haben will, aber wenn ich eine verkaufe, falle die Preise schlagartig in den Keller ^^

  4. Lustig ist auch, dass offenbar niemand noch weiss oder sich darüber informiert, was die Kameras mal NEU gekostet haben. Bei der t3 waren es m.E. 230 DM(!) vor 20 Jahren. Das nenne ich mal eine Geldanlage…!

  5. Der Markt macht leider die Preise. Wer so „doof“ ist das zu bezahlen.. nunja.

    T3 und Mju-II sind für mich bessere Kompaktkameras, mehr nicht. Ja, sie machen Spaß und bringen gute Bildergebnisse. Ich liebe meine T3 – nicht umsonst fühlte ich mich gezwungen ein Review über sie zu schreiben. 😉
    Aber für das Prädikat „Edel“ fehlen mir wichtige Merkmale wie Verarbeitung, Einstellungsmöglichkeiten und technische Rafinesse.

    Meiner Meinung nach dürfen sich z.B. die Konica Hexar AF (Traumkamera ^10!), die Contax T-Reihe oder die Nikon 35Ti als echte Edelkompakte schimpfen. 🙂 Damals in den 90ern schon recht teuer und heute auch nur so 100-200€ über dem Niveau einer überteuerten Yashica.

Comments are closed.