Die Fotografie jenseits der SLR

_DSC3813Die Kleinbild-Spiegelreflexkamera ist mit Abstand die beliebteste Kamera-Bauart und hat sich in den letzten Jahrzehnten gleichermaßen unter Hobby- und Profi-Fotografen als Standard durchgesetzt. Die einäugige Spiegelreflexkamera (engl. Single Lens Reflex; SLR) ist sicher eine sinnvolle Anschaffung, um in die (analoge) Fotografie einzusteigen, es lohnt sich aber auch, einmal über den Tellerrand hinaus zu schauen, denn die anderen
Kamera-Typen und die Möglichkeiten, die sie bieten, sind es sicher wert, mal einen Blick zu riskieren.

Sucherkameras

Sucherkameras sind die Kameras, die am einfachsten konstruiert sind. Anders als SLRs, deren Bauweise ermöglicht, genau das Bild im Sucher zu sehen, das das Objektiv auch „sieht“, verzichten die Sucherkameras auf diese Technik. Stattdessen sieht man zum „zielen“ meist durch ein einfaches Fenster, das sich im Gehäuse der Kamera befindet, oder auf die Kamera aufgesetzt wird. Nachteil des Verzichts ist, dass es zu dem so genannten „Parallaxenfahler“ kommt, das aufgenommene Bild ist also ein anderes, als man durch den Sucher gesehen hat. Dieser Fehler wird umso größer, je näher sich die Kamera am Motiv befindet, Hilfslinien im Sucher helfen aber oft dabei, den Fehler ausgleichen zu können, oder einen Schritt zurück, fotografiert etwas mehr von der Umgebung des Motivs und kompensiert den Fehler später, indem man das fertige Bild beschneidet. Der Verzicht auf die Spiegeltechnik, ermöglicht aber eine deutlich kompaktere Bauart, die Kameras sind in Folge deutlich kleiner als SLRs. Häufig sind solche Sucherkameras auf ein fest verbautes Objektiv beschränkt, es gibt aber auch Sucherkameras, die den Wechsel des Objektives erlauben.

Sucherkameras sind also insbesondere für jene interessant, denen die Möglichkeit, eine Kamera einfach in der Jackentasche mitzuführen, wichtiger ist als 100%ige Genauigkeit des Suchers und in der Regel mit der gleichen Brennweite fotografieren.

Messsucher

Messucherkameras sind eine besondere Bauart der Sucherkameras (s.o.). Die Besonderheit besteht darin, dass der Sucher mit einem Entfernungsmesser (Rangefinder) ausgestattet ist. Dabei sieht man im Sucher ein kleinen Teil des Bildes doppelt. Fokussiert man das Objektiv, bewegt sich dieser Bildausschnitt. Ist er mit dem eigentlichen Sucherbild deckungsgleich, ist das Bild scharf gestellt. Diese manuelle Form der Fokussierung erlaubt es, Objektive mit geringerer Tiefenschäfe zu nutzen. Dies ermöglicht es auch Objektive mit größerer Blende einzusetzen und somit auch bei schlechterem Licht noch Bilder mit relativ kurzer Verschlusszeit zu machen. Zudem erlauben viele Messsucher-Kameras auch den Wechsel der Objektive. Messucher-Kameras sind also (oft) klein (und damit unauffällig) und ohne dass das Hochklappen eines Spiegels oder der Motor eines Autofokuses Geräusche verursachen insbesondere dann beliebt, wenn man das zu fotografierende Motiv nicht stören oder ablenken möchte.

Zweiäugige Spiegelreflexkameras

Da die zweiäugige Spiegelreflexkameras (engl. Twin Lens Reflex; TLR) der technische Vorgänger der SLR ist, ist vielleicht nicht direkt erkennbar, welche Vorzüge eine TLR haben soll. Bei dieser Betrachtung darf aber wiedereinmal der Aspekt der Größe nicht ignoriert werden. Das ursprüngliche Konzept der TLR war es, eine relativ kompakte Kamera mit gutem Objektiv und relativ genauen Sucher zu schaffen. So eine TLR mag einem auf den ersten Blick zwar wie ein ganz schöner Klotz vorkommen. Beachtet man aber, dass TLR in der Regel 120er Mittelformatfilm nutzen, wirkt eine TLR spätestens dann vergleichsweise klein, wenn man sie mit einer Mittelformat-SLR vergleicht

Das Konzept der Zwillingsobjektive führt jedoch ebenfalls zum „Parallaxenfehler“, der kompensiert werden muss, sofern die Kamera diesen nicht selbst kompensiert.  Das Aufnahmeformat liegt in der Regel bei quadratischen 6×6, so dass nicht zwischen Landschafts- und Portrait-Format gewählt werden muss. Der Sucher ist in der Regel ein so genannter Lichtschachtsucher (engl. Waiste Level Finder), in den man von oben hinein schaut. Wer nur den Blick durch den Prismensucher einer SLR gewohnt ist, wird aber zunächst stutzen, denn in einem Lichtschachtsucher sind links und rechts vertauscht. Dies mag zunächst merkwürdig wirken, ist aber durch die Bauart bedingt und eine Gewöhnung findet recht schnell statt. Für einige hochwertige TLRs gibt es zudem auch umfangreiches Zubehör, unter anderem Prismensucher. Das Objektiv ist, bis auf wenige Ausnahmen, festverbaut und lässt sich nicht wechseln.

TLRs sind also vor allem dann interessant, wenn unterwegs hochwertige Bilder in 6×6 machen will, und auf die Möglichkeit das Objektiv zu wechseln verzichten kann.

Fachkameras

Großformatkameras wie die Fachkameras gehören sicher zu dem Interessantesten, was Fotos machen kann, leider aber auch zu jenen Kameras, die am schwierigsten zu benutzen sind. Anders als bei anderen Kameras nutzen Großformatkameras keine Filmrollen, sondern so genannten Planfilm, der Bild für Bild einzeln belichtet und entwickelt wird. Der Aufbau von Fachkameras besteht im Grunde aus einer Frontstandarte, an die das Objektiv und der Verschluss befestigt sind, eine Rückstandarte, die eine Mattscheibe und eine Halterung für Planfilmkasetten enthält. Das Fokussieren erfolgt über eben jene Mattscheibe. Das durch das Objektiv fallende Licht wird hier projeziert. Aber auch dieses Bild wird einen Stutzen lassen, denn es ist verkehrt herum. Zwischen den Standarten befindet sich der so genannte Balgen, der dafür sorgt, dass dazwischen ein lichtdichter Raum entsteht. Der Balgen ist so konstruiert, dass er eine Vielzahl an Bewegungen der Standarten ermöglicht. Dies Kamera ist auf einer Schiene befestigt, auf der ihre Einzelteile frei verschoben werden. Diese Bewegungsmöglichkeiten können für kreative Effekte wie der Korrektur stürzender Linien in der Architektur-Fotorafie oder die Dehnung der Tiefenschärfe genutzt werden. Die Nutzung einer Fachkamera ist, auch durch die Vielzahl ihrer Möglichkeiten, deutlich aufwändiger als andere Formen der Fotografie, man braucht also Geduld. Diese wird dann aber mit Aufnahmen in einer Größe von beispielsweise 9×12 cm (bzw. 4×5 Zoll) oder Größer belohnt.

Fachkameras sind das Richtige für Fotografen, die die volle Kontrolle über ihre Kamera haben und die maximale Auflösung erzielen wollen.

Laufboden

Laufbodenkameras (engl. Field Camera) sind quasi Großformatkameras für unterwegs. Je nach Modell bietet sie ebenfalls viele Verstellmöglichkeiten, ähnlich der Fachkamera, hat zudem aber ein praktisches Gehäuse. Zusammengeklappt lässt sie sich dann auch bequem mitnehmen und ist deutlich schneller einsatzbereit. Zum Fokussieren wird nicht die Standarte selbst auf der Schiene verschoben, sondern der komplette Boden wird über einen Mechanismus bewegt. Der Fokus erfolgt, wie bei der Fachkamera auch, über die Mattscheibe an der Rückseite der hinteren Standarte, oder aber über einen externen Sucher, der auf das Kameragehäuse aufgesteckt wird.

Laufbodenkameras sind etwas für Fotografen, die viele Vorzüge einer Großformatkamera auch unterwegs nutzen wollen.

Lochkameras

Der letzte Typ auf meiner Liste ist die so genannte Lochkamera. Diese Kameras zeichnen sich dadurch aus, dass sie über keinerlei Objektiv verfügen und die Blende sehr klein ist (f/125 z.B.). Diese kleine Blende wird über ein kleines Loch erzielt, das zum Beispiel mit Stecknadel gemacht wurde. Folgerichtig spricht man im englischen von Pinhole Cameras. Durch die kleine Blende entsteht eine unglaubliche Schärfentiefe, so das ein Fokussieren nicht erforderlich ist, aber auch Belichtungszeiten die deutlich länger sind als in der „normalen“ Fotografie. Was für Portraits deutlich ungünstig ist, erlaubt tolle Aufnahmen im Bereich der Landschaftsfotografie.

Lochkameras sind sind besonders Fotografen zu empfehlen, die besonders experimentierfreudig sind und etwas Zeit mitbringen.

Ich hoffe, diese Übersicht hat euch einen kurzen Eindruck vermittelt. Wie sind deine Erfahrungen jenseits der 35mm-SLR? Ich freu mich schon auf eure Kommentare. –dp

One Comment
  1. Hallo,

    vielen Dank für den Artikel! Ich gebe mal kurz meine Erfahrungen wieder …

    Angefangen habe ich in den 80ern mit einer Pocketkamera (Film 110) und bin dann auf eine Spiegelreflex gewechselt. Damals war es normal, das Bild erst nach der Entwicklung beim Abholen der Abzüge zu sehen.

    Seitdem ich digital fotografie, ist es zum Reflex geworden, auf das Display zu sehen. Bei der analogen XD7 (=Kleinbild) dahin, auch wenn dort keins ist 🙂 Jetzt ist es für mich spannender, da ich die Filme selbst enwickle und scanne.

    Was mich aber immer wieder auf die Zereissprobe stellt, sind Fotos mit Loch“kameras“ – vor allem die Super-Langzeitbelichtungen über drei bis sechs Monate: habe ich richtig gepeilt, so dass der gewünschte Bildausschnitt aufgenommen wird? Überlebt das Fotopapier die Witterung? Ist die Dose noch da? Und wenn ich dann das Fotopapier in den Scanner lege und den Scan anschließend invertiere … staune ich oft, wie man mit einer Dose und einem Stück Fotopapier „zaubern“ kann …

    CU

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