Interview mit Rüdiger Beckmann von pixelwelten.de

analog4You! im Interview mit Ruediger Beckmann, ein Fotograf aus Hamburg der mit seinen rein analogen Arbeiten kreative Maßstäbe setzt….

  1. Hallo Rüdiger, Wie bist du zur analogen Fotografie gekommen bzw. warum fotografierst du nicht digital?
    Ich habe 1991 zum Studienstart meine erste Minolta x-300 bekommen. Und habe sie damals nicht besonders oft benutzt. Erst in meinem Illustrationsstudium packte mich das mit den Fotos. Weil es vergleichsweise teuer ist, habe ich im Laufe der Jahre immer wiederversucht, einen Teil aufs Digitale zu verlagern. Das hat überhaupt nicht funktioniert, weil alles, was ich suche, damit zu tun hat, die Kontrolle abzugeben. Das tut man digital nicht. Man plant das Bild und bekommt genau das, was man anstrebt. Das ist aber bei uns absolut nicht der Grund, warum wir uns treffen und diese Bilder suchen. Wir wollen ja etwas uns Unbekanntes auf Bildern finden. Die Vorstellung, im Kopf bereits fertige Bilder zu realisieren, hat mich nie interessiert. Und ich merke das auch bei den Leuten, die ich knipse. Unlängst sagte jemand: »Ich fang eh erst richtig an, wenn du die große Kamera nimmst.« So ist es wohl, und daran haben wir uns gewöhnt.
  2. Welche ist deine Lieblingskamera, Rüdiger? Und warum?
    Ich finde sehr spannend, das Bild während des Machens zu »erfühlen«. Ein großer Lichtschacht verstärkt, diese Erfahrung, deshalb mag ich die Osteuropäer wie Kiev Six und Pentacon Six. Ich habe auch schon mit verlässlicheren Kameras wie Kowa Six, Bronica und Hasselblad fotografiert, und die Mamiya RB67 gehört zu meinen Stammkameras, aber die allein wären mir etwas zu steril. Ich mags, wenn ich zwischendurch die Kamera öffne, um zu schauen, ob noch Film drin ist, und dabei dann »Light Leaks« auf den Film bringe. Oder wenn sich die Bilder manchmal überlappen und merkwürdige Zwischenbilder erschaffen (Berni nennt das »FIlmsparmodus«). Das zerhaut einem zwar auch eine Menge guter Bilder, aber ganz ohne wärs mir doch zu langweilig.
  3. Welcher ist dein Lieblingsfilm bzw. gibt es für dich überhaupt DEN Film und wenn/wenn nicht warum?
    Ich fotografiere prozessorientiert. Das bedeutet, wir verschießen jede Menge Filme, bevor wir überhaupt einen Groove finden, in dem gute Sachen passieren. Ich habe also eine riesige Kiste an Filmen dabei, in der ich herumwühle, um den richtigen Film zu benutzen. Das ist eine Mischung aus abgelaufenen und neuen, und ich vergreife mich regelmäßig. Also selbst wenn ich es darauf anlege, einen bestimmten Film zu benutzen, klappt das nicht so oft. Dazu kommt, dass ich selbst entwickle, und auch dort geschieht Unbeabsichtigtes, wenn z.B. der Entwickler nicht mehr ganz so frisch ist. Der Prozess ist also nicht ganz so kontrolliert, wie wir das von anderen Fotografen kennen, die auf ihren persönlichen Film schwören, weil er diese ganz bestimmten Farben macht, auf die sie stehen. Bei mir trifft das nicht zu, und ich strebe eine gute Mischung an, sowohl zwischen SW als auch verschiedenen Farbstilen. Beim Scannen passieren dann auch manchmal eher kreative Dinge, und ich habe gelernt, alles anzunehmen, was mir passiert. Bedenke, ich mache das schon sehr lange, und ich finds ganz amüsant, im Nachhinein zu beobachten, wo ich meine SX-70-Phase hatte oder die Petzval-Phase. Ich denke also, man sollte sich von all diesen Präferenzen auch immer mal wieder freimachen. Weil es im Grunde nicht darum geht, sondern um die Substanz der Portraits.
  4. Welches ist dein Lieblingsfoto und wie ist es entstanden?
    Hehehe, das ist eine knifflige Frage, denn das hängt von so vielen Faktoren ab, dass die Erklärung recht lange dauern würde. Ich habe in jeder Session Lieblingsbilder gegenüber anderen. Von Session zu Session gibt es Highlights, die mir viel bedeuten, weil besonders viel passiert ist in dem Prozess, den ich anstrebe. Aber das Ganze relativiert sich 10.000 Bilder später auch manchmal wieder. Dieses Auf-und-Ab, das Bewusst-werden, das Gut-finden und Wieder-Verwerfen ist ein Teil von einer großen Decke, an deren Ende wir rumklöppeln, woraus sich zum Schluss vielleicht ein komplettes Bild ergibt, wenn es um mich geht. Und die Portraitierten haben ihre ganz eigene Zeitleiste, mit dem, was sie brauchen und was sie wollen, und wenn sich beide Empfindungen überschneiden, entstehen die Bilder, die ich meine »Klassiker« nenne, die ich dann auf Ausstellungen zeige. Das Publikum aber findet wieder oft ganz andere Bilder gut, die ich gar nicht so wichtig finde. Das ist ein ziemliches Hinundher, und deshalb finde ich es auch wichtig, die Bilder regelmäßig zu zeigen.
  5. Rüdiger, Du eröffnest demnächst den „Enfants Artspace“ in Hamburg. Was ist das genau?
    Wir waren schon länger auf der Suche nach Büroräumen, aber so eine anonyme Büroetage war mir persönlich zu steril. Dann hatten wir Glück und fanden diesen Raum, der sowohl Büro als auch Laden sein kann, weil er recht präsent an einer Straßenecke liegt, und der mit großzügigen Schaufenstern und Wänden viel Möglichkeit zum Zeigen bietet. Da machen wir jetzt jeden Monat eine Ausstellung aus den Bereichen Fotografie, Malerei und Illustration. Eröffnet wird das Ganze am 23. Januar 2016 mit Bildern und Cyanotypien von mir (das ist meine erste Ausstellung seit der Buch-Release 2010). In der Hamburger Neustadt befinden wir uns in guter Gesellschaft anderer solcher Räume, die mehr oder weniger etablierten Künstlern eine Plattform bieten. Ich finde, es kann gar nicht genug davon geben.
  6. Was möchtest du dem Analog-Einsteiger mit auf seinen Lernweg geben?
    Der analoge Kram kostet eine Menge Geld, und man tendiert dazu, die eigenen Ausgaben zu verteidigen – manchmal bis zur Betriebsblindheit. Lass dich nicht blenden von dem, was dir Fotoblogs als das neue Must-Have anpreisen, und mach dich nicht abhängig von Markenjüngern und Hypes. Triff dich also nicht im reinen Nikon- oder Leica-Club, sondern suche dir eher Leute, die dir ganz verschiedene Erfahrungen ermöglichen. Ich hatte das Glück, zwischendurch immer mal wieder viele Kameras leihen zu dürfen, um zu begreifen, was jede einzelne tut. Und schau dann, wo die Kamera aufhört und wo du anfängst, was du persönlich in das Bild mitbringst. Wenn du dem auf der Spur bist, und es zum Schluss in jedem Bild wiederfindest – unabhängig vom Aufnahmemedium – dann wird es richtig spannend.

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