Bakterien, Polaroid und Fetisch: Urizen Freaza im Interview

Ich stolperte beim Surfen durch Instagram über ein Polaroid über das ein Totenkopf genäht war. Es weckte sofort mein Interesse und war somit der Anfang meines Interesses für den Mann mit dem (für mich) unaussprechbaren Namen Urizen Freaza. Als mich etwa einen Monat später genau dieses Bild vom Cover der PhotoKlassik anlachte wusste ich, dass ich Kontakt zu ihm aufnehmen muss. Heraus kam trotz beidseitiger Erkältung dieses Interview. Ich hoffe es gefällt euch genauso wie mir.
 
Was müssen die Leser über dich wissen?

Mein Name ist Urizen Freaza, ich bin in Teneriffa geboren, wohne seit 2010 in Berlin. Ich bin auf dem Weg Fotograf zu werden, und hoffe dabei, dass dieser Weg niemals aufhört.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Weil ich nicht zeichnen kann! Als Kind habe ich immer fotografiert, so halb sinnlos. Später habe ich eine Reflex als Geschenk zu meinem 18. Geburtstag gekriegt. Ich habe echt hart versucht was daraus zu machen, aber die Ergebnisse waren immer frustrierend. Und ich habe aufgegeben.
Dann habe ich eine Lomo Kamera zu Weihnachten bekommen. Und da es nur ein Plastikstück war, habe ich keine Erwartungen gehabt. Ich habe einfach Spaß damit gehabt, die Angst und den Respekt vor der Kamera verloren. Und alles was dabei herauskam war eine Überraschung, magisch. Dann kam Polaroid und die Möglichkeiten wurden unendlich.
 
Deine Bilder jetzt sind modern und eigenwillig. Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben?
Das ist eine unmögliche Aufgabe. Ich kann aber sagen, was für einen Stil ich gerne hätte: haptisch, sauber im Konzept aber unsauber in der Form, pur, klar, stark. Es ist ziemlich schwierig, sowas zu schreiben und nicht lächerlich zu klingen.
Gibt es eine besondere Philosophie hinter deinen Werken?
Sicherlich gibt so was, aber nicht bewusst. Ich will die/en Zusachuer/in ansprechen. Ich bestrebe Fotos zu machen in den man sich verliebt, so cheesy wie es klingt. Weil wenn das klappt, dann wird er/sie die Idee empfangen, die das Foto erzählen will.
 
Ich habe von einer längeren Pause wegen einer „kreativen Krise“ bei dir gelesen. Wie bist du da wieder herausgekommen?
Am Anfang habe ich mich gezwungen einfach etwas Anderes zu machen. Fotos von meinem Alltag, mit anderen Kameras, andere Formate. Es war eine Suche. Nach einer Weile habe ich versucht mich zu entsinnen, was es genau war das mir gefiel, als ich vor der Krise arbeitete. Ich habe versucht alles andere ‚wegzuräumen‘, und das Erlebnis einer Session damals zu wiederholen. Einfach 1 zu 1, ohne zu versuchen etwas originelles oder gutes zu kriegen. Es funktionierte eine Weile nicht, dann irgendwann habe ich wieder ein Foto gemacht, das ich liebte. Und dann hat alles wieder Sinn gehabt.
 
Gewinner des „Face the impossible“ Wettbewerbs, Cover der aktuellen „PhotoKlassik“ und ein Interview in der ARTE Doku „Polaroid – Magische Momente“ um nur einige Meilensteine zu benennen. Was bedeutet all dies für dich?

Es bedeutet, dass mehr Leute meine Fotos sehen werden. Und damit sind die Chancen größer, dass die Fotos jemand ansprechen werden. Und das ist gut. Es gibt die Gefahr dass man denkt ‚das heißt ich mache was richtig‘, und das ist sehr gefährlich. Man vermischt und verwechselt Sachen mit diesem Gedanken.

 

Mit welchem Equipment arbeitest du am liebsten?
SX70 mit Impossible Schwarz-Weiss Film und eine Softbox.
 
Kannst du uns einmal prototypisch durch die Entstehung eines deiner Werke führen?
Ich treffe ein/e Freund/in bei meinem Atelier und wir machen ein paar Stunden lang Fotos. Ich habe vorher ein paar Ideen  was ich schießen will (z.B. offene Serien an den ich parallel arbeite), aber wir improvisieren auch. Die Ergebnisse teile ich in 3 Kategorien: erstmal Fotos die ich direkt benutze weil sie gelungen sind.
Zweitens Fotos die nicht geplant waren aber etwas haben. Die gucke ich mir ganz in Ruhe an, und analysiere ganz genau, was ich daran interessant finde. Aus diesen Zufällen können neue Themen oder neue Serien entstehen. Diese sind die wichtigen Fotos, sie sagen mir, welche Themen mich unbewusst interessieren.
Die dritte Kategorie sind die Schlechten. Die nehme ich zur Seite, und versuche sie einzeln irgendwie zu manipulieren. Mit diesen experimentiere und übe ich. Es ist sowas wie Post-Produktion. Manchmal wird was daraus, manchmal nicht.
In den letzten Jahren versuche ich immer ein Konzept zu haben, bevor ich fotografiere. Ich will aber mich nicht damit beschränken.
 
Für mich stechen aus deinen Werken besonders die „Bacteria“ und „Dobles“ Serien heraus. Kannst du uns etwas zu der Entstehung der beiden Serien erzählen?
Bacteria ist die Dokumentation eines beschleunigten Alterungsprozesses von Fotografien durch das Verderben von Fleisch. Dafür habe ich sämtliche Porträts (behandelt als fassbare, materielle Objekte) einfach in Hackfleisch getaucht. Nach wenigen Tagen greifen die von den Bakterien freigesetzten Chemikalien die Schutzschichten des Films an und lösen diese ab. Danach reagieren sie mit den Farbstoffen die das Bild gestalten und das Bild verschwindet langsam. Regelmäßige Scans halten die jeweilige Zustände für immer fest. Das verwendete Porträt stellt die oberflächliche Definition eines Menschen dar. Die Serie versucht somit sich mit der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit der Menschen auseinanderzusetzen. Die Bilder zeigen einen bestimmten Zustand, der zum Wechsel verurteilt ist. Der/die Zuschauer/in könnte aber Hoffnung in der Schönheit finden, die im Verlauf der Zerstörung entsteht.
Dobles anderseits versucht an den Fähigkeiten eines Portraits einen Menschen zu beschreieben zu zweifeln. Einerseits, zeigen Leute wenn sie fotografiert werden mehr als sie wissen oder zeigen wollen. Anderseits ein Bild ist nur ein Bild, es sagt viel mehr darüber was wir selbst drauf projezieren. Ist niemals vollständig, es ist per Definition nur eine Oberfläche. Die Fotos der Serie entstehen aus zwei Aufnahmen, eine Schwarz-Weiss Polaroid als Hintergrund und ein farbiges Polaroid, das als Emulsion-Lift draufgesetzt wird. Für das SW Bild benutze ich UV Licht das hauptsächlich im unsichtbaren Spektrum des Auges liegt. Ich  frage die Person, ob er/sie an ein Geheimnis denken könnte, etwas peinliches oder schmerzhaftes, was niemals bekannt werden darf. Für die farbige Aufnahme bitte ich sie zu lachen als ob es ein Snapshot für Facebook oder so wäre. Beide Bilder sind inszeniert, aber zeigen zwei Seiten von ihr/ihm. Irgendwo dazwischen liegt eine Wahrheit, oder vielleicht nicht.
 
Wenn man deine Texte und Zitate liest fällt häufig das Wort Fetisch. Kannst du uns das genauer erklären?
Ich benutze das in dem schamanistischen Sinn des Wortes, als ein Objekt das besondere magische Fähigkeiten besitzt. Ich glaube Kameras, wie auch Musikinstrumente, sind mehr als einfache Objekte. Sie haben eine Seele. Und so sind Polaroids auch. Es geht um die alte Idee, das Fotos ein Spiegel mit Gedächtnis oder ein ‚Seelenfänger‘ sind, die man aber anfassen, in den Händen halten kann.
 
Was inspiriert dich? Welche Künstler sind deine Vorbilder?
Alles mögliche, alles in der Umgebung kann dir Ideen geben. Meine Lieblingsfotografen zur Zeit sind Garry Winnogrand, Joan Fontcuberta, Roger Ballen and Phyllis Galembo.
 
Was war dein absolutes Lieblingsprojekt bisher?
Das wäre wahrscheinlich Bacteria, weil es mich erstaunt hat, dass es funktionierte.
 
Gibt es ein Traumprojekt, dass du unbedingt in Angriff nehmen möchtest?
Es ist immer das Nächste bis es fertig ist.
 
Mit was verbringst du deine Zeit wenn du nicht fotografierst?
Ich arbeite als Ingenieur und bin Teil des Teams hinter AnalogueNow. Wir organisieren ein Mal pro Jahr ein Festival für analoge Fotografie in Berlin und seit Oktober monatlich einen analogen Fotostammtisch.
 
Welchen Ratschlag kannst du Neueinsteigern geben?
Es klingt nach Cliché, aber man soll immer Spaß dabei haben. So was wie ein Amateur im Herzen bleiben. Die Kamera ist ein Werkzeug, aber man sollte es auch als ein Spielzeug betrachten.
 
Noch letzte Worte?

Vielen Dank!

 

Mehr von Enrique gibt es auf seiner Homepage oder auf Instagram.
Das Interview wurde per Mail und Chat von Kay geführt.