Olympus XA – fast immer dabei

Bild_1

Anfang der 1980er Jahre drückte sich ein Schüler solange regelmäßig die Nase am Schaufenster des örtlichen Fotohändlers platt, bis er endlich das Geld für die eigene Kleinbildkamera zusammengespart hatte. Das extrem kleine Ding mit der rundlichen Form hatte es ihm irgendwie angetan. Und so wechselten 489,- DM damals den Besitzer im Tausch gegen eine Olympus XA samt Blitz und einem Fujichrom RD 100 inklusive Entwicklungsgutschein. Was damals niemand ahnen konnte: Genau diese Kamera mit der Seriennummer 5070584 begleitet den Schüler von damals noch heute täglich.

1979 brachte Olympus die XA auf den Markt, die kleinste Messsucherkamera der Welt. Sie revolutionierte das Design aller nachfolgenden Kompaktkameras. Ungefähr so groß wie eine Zigarettenpackung (ca. 10 x 6,5 x 3,9 cm), inklusive Film leichter als ein Päckchen Butter (243 g), dabei erstaunlich robust und wertig mit einem Gehäuse aus Metall und schlagfestem Kunststoff. Sie hat einen „richtigen“ Entfernungsmesser, Blendenvorwahl und Zeitautomatik, ein leichtes Weitwinkelobjektiv (35 mm), Selbstauslöser und Gegenlichtkorrektur. Blenden von 2,8 bis 22 ermöglichen genügend kreativen Spielraum. Sechs Linsen in 5 Gruppen bilden das Objektiv. Eine der inneren Linsen ist über die Längsachse verschiebbar und ermöglicht auf diese Art die Fokussierung zwischen 0,85 m und ca. 3 m. Das Objektiv verändert seine Längenausdehnung nicht. Alle empfindlichen Kamerakomponenten sind bei geschlossenem Gehäuse geschützt. Nichts steht heraus oder könnte abbrechen, kein Objektivdeckel kann verloren gehen, Kameratasche überflüssig.

Einsatzbereit ist die Olympus XA immer und sofort: Man nehme sie in die rechte Hand und schiebe mit dem linken Daumen die Objektivabdeckung zur Seite, führe den Sucher vor das Auge und wie von selbst berühren die Finger beider Hände die Kamera genau so, dass sämtliche Bedienelemente gleichzeitig im Zugriff sind. Die Entfernungseinstellung, ein Schwenkhebel unterhalb des Objektivs, mit der Zeigefingerkuppe der linken Hand bewegen, bis das Mischbild im Sucher in Deckung ist. Dazu am besten eine Kante mit hohem Kontrast in der gewünschten Schärfeebene anpeilen. Ist das Motiv weiter als 3 m entfernt, Hebel auf Anschlag. Mit dem rechten Mittelfinger den Schieber zur Blendenwahl auf- oder abwärts bewegen, bis der Zeiger des Belichtungsmesser links im Sucher die gewünschte Belichtungszeit anzeigt. Die Kamera mit der rechten Hand um den Drehpunkt der linken Hand etwas vom Auge weg kippen, so ist die Skala besser zu erkennen. – Geübte Bediener erledigen das alles gleichzeitig in 2-3 Sekunden, während sie den Bildausschnitt wählen. Mit dem rechten Zeigefinger die rote Fläche des Auslöseschalters auf der Kameraoberseite leicht durchdrücken und es macht leise Klick! Zwei Mal mit dem rechten Daumen über das Rad des Filmtransports bis zum Anschlag gleiten und es kann wieder ausgelöst werden. – Oder zuschieben und ab in die Jacken-, Hemd- oder Hosentasche, also „immer dabei“!

Bild_2

Die Olympus XA besitzt eine Zeitautomatik von 1/500 s bis ca. 10 s. Filmempfindlichkeiten von 25 bis 800 ASA in 16 Schritten können über einen rastenden Schiebeschalter unterhalb des Objektivs eingestellt werden. Bei Gegenlichtaufnahmen den kleinen Schalter an der Unterseite der Kamera auf Verlängerung um 1,5 Stufen stellen. Jetzt sind Belichtungszeiten bis ca. 25 s möglich. Mit demselben Hebel kann auch der Selbstauslöser aktiviert werden und die Batterien geprüft werden. Ohne Strom ist die Olympus XA tot. Ein Stativgewinde ist vorhanden, doch es eignet sich jeder Gegenstand mit einer fingerlangen und daumenbreiten planen Fläche als Stativ: ein Mauervorsprung, ein Zaunpfahl, eine senkrecht gestellte Getränkedose. Erschütterungsfreier Auslöser und Belichtungsautomatik ermöglichen verblüffende Nachtaufnahmen. Es gibt Systemblitze in zwei Größen, die seitlich angeschraubt werden können, mit Automatiken für 100 und 400 ASA. Der größere Blitz (A16) kann durchaus komplette Wohnräume erhellen (4 m bei 100 ASA), ist aber nicht in der Neigung verstellbar und damit nur ein Notbehelf. Die XA schaltet bei Blitzbetrieb auf Blende 4,5. Gesichter unter 3 m Abstand werden dabei manchmal überbelichtet. 40 Fotos sind die normale Ausbeute eines 36er Kleinbildfilms.

Bild_3

In den Straßen ist die XA in ihrem Element. Klein, unauffällig, leise. Wegen ihrer geringen Größe wird sie häufig unterschätzt und nicht selten mit einem Spielzeug verwechselt. Kaum ein Passant empfindet die XA als „Bedrohung“. Die 35 mm Brennweite ist ein guter Kompromiss für viele Bildsituationen. Landschaftsaufnahmen gelingen immer, Fehlfokussierungen sind dabei praktisch unmöglich. Wenn wenig Licht vorhanden ist, neigt die XA zur Vignettierung bei Blende 2,8. Als Stilmittel bewusst eingesetzt ergeben sich schöne Effekte. Die Schärfe des Objektivs ist bemerkenswert gut, bei Blende 11 exzellent. Verzeichnungen sind kaum wahrnehmbar. Mit dem Gegenlichtschalter und dem Filmempfindlichkeitsschalter lässt sich bei schwierigen Belichtungssituationen die Belichtungsautomatik beeinflussen – der Belichtungsmesser zeigt die korrigierten Werte an. Fehlt diesem genialen Stück Technik etwas? Ein wenig mehr Kontrast im Mischbild wäre schön. Tricksereien mit einem kleinen aufgeklebten schwarzen Rechteck auf dem kleinen Fenster des Suchers verbessern ihn nur leicht. Und leider kann am Objektiv wegen des geringen Abstands zur Objektivabdeckung kein Filter angebracht werden; der einzige konzeptionelle Nachteil der extremen Kompaktheit.
Fazit nach über 3 Jahrzehnten Olympus XA: 222 Filme, 2 Stürze aus Tischhöhe, eine neue Handschlaufe, eine neue Lichtdichtung (Ernst Kluger sei Dank), sowie 2 Knopfzellen SR44 alle paar Jahre. Und weiter geht’s …

Ralf Klossek